INTERNATIONALE MARTIN LUTHER STIFTUNG

The daily Luther

23rd October

And the peace of God, which passeth all understanding, shall keep your hearts and minds through Christ Jesus.

Interpretation of Martin Luther ...

Kirche im Lockdown

Systemrelevant, existenzrelevant, himmelreichsrelevant?

Zehn Jahre lang, von 2008 bis 2017, hatte die Evangelische Kirche in Deutschland vermittels einer inhaltlich vielfältigen und finanziell aufwendigen „Reformationsdekade Luther 2017“ nach einem neuen evangelischen Aufbruch ins 21. Jahrhundert gesucht. Doch anstelle wirkmächtiger Impulse für ein engagiertes kirchliches Handeln aus der Verkündigung der freimachenden Botschaft Jesu Christi und, in dessen Folge, einer nachhaltigen gemeindlichen Erneuerung, laufen den deutschen Großkirchen die Mitglieder in Scharen davon. Dabei war an das Ausmaß der Covid-19-Pandemie, wie wir sie seit März diesen Jahres erleben, zum Zeitpunkt der aktuell dokumentierten Austrittszahlen des Jahres 2019 noch gar nicht zu denken.

Wie in einem Brennglas spiegeln sich politische, wirtschaftliche, soziale und vor allem medienkulturelle Entwicklungen der vergangenen Jahre im noch immer wirksamen „Lockdown“ zur Eindämmung der Pandemie in ihrer ganzen Schärfe wieder. Wolfgang Huber hat mit Blick auf die Kirchen von einer verheerenden Tendenz zur „Selbstbanalisierung“ gesprochen.

Dort, wo Menschen, radikaler als all die Jahre zuvor, an ihre Grenzen stießen, wo sich ganz unvermittelt existenzielle Fragen nach Tod und Leben stellten, erlebte die Öffentlichkeit vielfach eine merkwürdig verlautbarungsarme, ja betreten schweigsame Kirche in Fragen und auf den Feldern ihrer ureigensten Kompetenz: in Verkündigung, Seelsorge und Diakonie.

Mit wachsender Irritation und sichtbarer Enttäuschung nahmen Menschen zur Kenntnis, wie wenig die Kirchen und ihre führenden Vertreter selbst in diesen entscheidenden Momenten tiefer Verunsicherung dem zu vertrauen schienen, was sie üblicherweise in den Gottesdiensten verkünden: „Tod, wo ist dein Stachel, Tod, wo ist dein Sieg?“ (1. Korinther 15,55) oder „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12)

Nicht als billigen Trost oder leichtfüßigen Zynismus, sondern als leise, nicht-triumphale und doch hoffnungsfrohe, engagierte Botschaft und als gut erkennbare, solidarische Hilfe und Seelsorge sowohl für die an oder mit Covid 19 Infizierten oder Erkrankten als auch für die Krebspatienten, deren Operationen ausgesetzt wurden, für die wortlos leidenden Dementen und die einsam Sterbenden in den Altenheimen und Krankenhäusern, für die Suizidgefährdeten in der Nachbarschaft, für die vielen, deren Alltag von Gewalt, von Versagensangst oder permanentem Familienstress bestimmt ist, für die tatsächlichen oder vermeintlichen „Covidioten“, für die eilfertigen Denunzianten und die von Denunziation Betroffenen und für die Menschen, deren Unternehmen und Beschäftige vor dem wirtschaftlichen Ruin stehen.

Die Kontroversen über die Rolle der Kirchen im „Lockdown“ reichen vom Versagensvorwurf bis zu begeisterten Hinweisen auf neue digitale Erfahrungen und bewundernswerte Kreativität in den Gemeinden. Auffällig ist der aggressive Tonfall mancher Kirchenkritiker, aber auch der gereizte Sound kirchenamtlicher Zurückweisungen, selbst gegenüber fundierter, sachlich vorge-tragener Kirchenkritik.

Moderation

  • Dr. Thomas A. Seidel
    Vorstandsvorsitzender der Internationalen Martin Luther Stiftung

Podium

  • Landesbischof Ralf Meister
    Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)
  • Dr. Christine Lieberknecht
    Thüringer Ministerpräsidentin a.D.
  • Julia Braband
    Ratsmitglied des Lutherischen Weltbundes und Mitglied im Präsidium der Landessynode der EKM

Impressionen